Grußwort Prof. Dr. Christoph Grunenberg
Direktor Kunsthalle Bremen

„Wer sich selbst und andere kennt / Wird auch hier erkennen: Orient und Okzident / Sind nicht mehr zu trennen“, lauten die berühmten Worte von Johann Wolfgang Goethe in seinem West-östlichen Divan, der vor 200 Jahren erstmals erschien. Trotz einer angeblich totalen Vernetzung und globalen Perspektive der Kunstwelt heute, ist der Rezeptionshorizont erstaunlicherweise immer noch auf gewisse geographische Herkunftsgebiete, streng reglementierte Themenbereiche und bestimmte kodifizierte Ausdrucksformen Formen der Kunstproduktion beschränkt. Die Internationalität der Kunstwelt geht häufig Hand in Hand mit einer erstaunlichen Provinzialität. Diese Ausstellung eröffnet einen Blick auf die überraschende Vielfältigkeit der Kunst in Syrien. Die Künstlerinnen und Künstler in der Ausstellung erscheinen dabei tief verwurzelt in den reichen kulturellen und künstlerischen Traditionen und dem mythologischen Erbe des Landes. Zugleich verarbeiten sie die Errungenschaften der westlichen Moderne, insbesondere in der Rezeption der figurativen Malerei und expressiver Darstellungsweisen. Der Mensch steht klar im Fokus, wenn auch weniger als identifizierbares Individuum, denn als Metapher für Einsamkeit, Verlorenheit und Leiden, aber auch für Gemeinsamkeit und Solidarität. Gelegentlich erscheinen auch gewisse abstrakte und ornamentale Elemente, die auf eine lange Tradition des kreativen Austausches zwischen Ost und West, Antike und Moderne, christlicher und islamischer Kultur hinweisen. Dabei transzendieren die ausgestellten Werke politisches Tagesgeschehen – sie erzählen uns von einer gemeinen Menschlichkeit, vom universellen Schrecken des Krieges und geteiltem Leiden wie auch von dem Glauben an das Leben, der Zuversicht an eine bessere und friedlichere Zukunft, dem Zelebrieren der kleinen Freuden und Hoffnungen. Die Ausstellung ist so eine willkommene Öffnung der Perspektive, die gewohnte Sehweisen in Frage stellt und uns mit neuen Fragestellungen und einer eigenen künstlerischen Sprache konfrontiert.

„Aus dem syrischen Leiden kommende Künstler"
Dr. Ass`ad Urabi, als Künstler einer der Protagonisten der zeitgenössischen Arabischen Kunst und als Professor an der Sorbonne Universität in Paris renommierter Kunsthistoriker, erläutert Herkunft und Werke der ausstellenden Künstler:

„Die Ausstellung zeigt Werke von sieben Künstlern, die alle der Bewegung angehören, die den aufklärerischen Geist der syrischen Künstler beherrscht, nämlich dem Expressionismus in all seiner Vielfalt: dem engagierten, soziospirituellen oder psychologischen.

Vier Generationen vertreten diese Richtung: Der ersten Generation der 1960er Jahre, gehören die Gründer der Fakultät der Künste in Damaskus an. Die Initiative dieser Künstler fließt in die Zeit derjenigen der 70er Jahre-Generation ein, die mit ihnen gemeinsam am Lehrbetrieb der Fakultät gewirkt haben, manche von ihnen vor ihrer Studienzeit in Europa. Die dritte Generation der 80er-Jahre wirkte zur gleichen Zeit wie die Homser-Gruppe. Dazu zählt auch Edward Shahda. Der Künstlergruppe Lattakias hingegen gehören mehreren Generationen an, zu denen auch Laila Nssr und Nizar Sabour zählen. Die junge 1990er-Generation litt am meisten unter den Kriegsereignissen. Viele von ihnen sind nach Europa oder in arabische Nachbarländer ausgewandert.

Die in dieser Ausstellung vertretenen Künstler leben und wirken allerdings alle in Syrien. In den gezeigten Werken ist, trotz des beträchtlichen Zeitunterschieds von einem halben Jahrhundert, der Einfluss des deutschen Expressionismus, insbesondere auf der geistigen Ebene, zu erkennen. Denn das Gemälde ist episches Zeugnis des menschlichen Leids, sei es geistig oder physisch, besonders in Kriegszeiten. Das Werk des aus Syrien stammenden Malers Marwan Kassab-Bachi (1934-2016), der in Deutschland lebte, gilt als Brücke der Kunst von Max Beckmann, George Grosz, Otto Dix, Käthe Kollwitz, Emil Nolde und Ernst Ludwig Kirchner in seiner Heimat.“